Spaziergang zwischen Himmel und Erde


VON FRANK VAN BEBBER

Friedhofsnovember wie aus dem Bilderbuch: Der evangelische Pfarrer Holger Müller (links im Bild) und sein katholischer Kollege Andreas Rudiger auf dem Konstanzer Hauptfriedhof. Bild: van Bebber

Dieser Spaziergang führt bis ans Ende des Lebens und dann noch ein Stück weiter. Es haben sich darum zwei Männer mit auf den Weg gemacht, die oft reden, wenn andere keine Worte mehr haben. Der evangelische Pfarrer Holger Müller (46) und sein katholischer Kollege Andreas Rudiger (44) stehen ein oder zwei Mal in der Woche vor einem offenen Grab. So oft, dass sie nun auf dem Hauptfriedhof gar nicht jedes Grab wieder finden würden, an dem sie mit und um Menschen getrauert haben.

Für ihn sei dies ein Ort der Demut und der Hoffnung auf Auferstehung, sagt Rudiger. Müller sagt, rund um eine Beerdigung käme es oft zu sehr lieben Begegnungen von Menschen, die sich zuvor nicht kannten. Manches Gemeindemitglied lernt der Pfarrer erst im Tod kennen. Anfang und Ende sind oft eins auf dem Friedhof.

 

Müller und Rudiger gehen heute über feuchtes Herbstlaub, der Himmel ist grau. Die Kälte kriecht langsam vom Boden in die Beine, wenn man stehen bleibt. Friedhofsnovember wie aus dem Bilderbuch. Die zwei Pfarrer werden später auf die Frage antworten, ob die Toten nun unter der Erde liegen oder im Himmel sind. Doch noch mehr lehrt eine andere Geschichte, dass der Friedhof kein Ort wie jeder andere ist. Die Pfarrer erzählen sie so nebenbei. Manchmal, meist im trüben November, gehen sie mit Schülern aus ihrem Religionsunterricht auf den Friedhof. Die Kinder suchen nach Inschriften auf den Grabsteinen oder füllen Arbeitsblätter aus. Der Tod scheint so fern. Und dann haben beide Pfarrer erlebt, wie ein Kind zu ihnen sagte, "Da liegt mein Papa" oder "Da liegt mein Brüderchen".
Wie schwer muss es sein, solch einen Ort zu verwalten? Wie kann man Preise festlegen für jenen Platz, an dem der Papa liegt oder das Brüderchen? Das ist der Job von Baubürgermeister Kurt Werner, der Gemeinderäte und den Mitarbeitern der Friedhofsverwaltung. In den vergangenen Jahren haben sie sich oft über die "Gebührenkalkulation Bestattungswesen" gebeugt. Der Friedhof macht Verluste. 2006 fehlten am Jahresende 270000 Euro in der Kasse. Weniger Menschen finden ihre letzte Ruhe auf einem städtischen Friedhof. Und meist wählen die Angehörigen ein kleines Urnenfeld oder ein anonymes Grab statt der teureren Familiengräber. Rund 170 Särge senken sich im Jahr in Konstanzer Erde, aber inzwischen bis zu 500 Urnen. Werner spricht vom wachsenden Interesse der Bürger an "pflegeleichten und pflegelosen Gräbern".

Pfarrer Rudiger blickt über die Grabsteine und sagt, der Friedhof sei ein Spiegel der Kultur. Pfarrer Müller sieht es so: "Wie wir mit den Toten umgehen, so gehen wir mit den Lebenden um." Er berichtet, allein in einer Pfarrei hätten sich in einem Jahr zehn Menschen gemeldet, die mit der anonymen Bestattung eines Angehörigen haderten. "Sie suchen jetzt nachträglich einen Trauerort", sagt Müller. Meist haben die Menschen vorher nicht darüber gesprochen, warum sie sich anonym beerdigen lassen, ob aus Überzeugung oder aus Angst, jemandem zu Last zu fallen. Die Pfarrer werben für eine neue "Kultur des Abschiednehmens", die eigentlich die alte ist. Neben der Tradition, Zuhause in Ruhe am Totenbett Wache zu halten, gehöre dazu eine öffentliche Trauerfeier. Rudiger ermuntert die Menschen, Kinder mitzunehmen. Müller sagt, manchmal kämen zur Beerdigung Kollegen oder Freunde des Verstorbenen, von denen die Familie nichts geahnt habe. Müller kann sich neue Bestattungsformen auf dem Friedhof vorstellen, etwa Gemeinschaftsgräber mit Namenstafeln. Die Vielfalt soll größer werden, damit der Friedhof ein gemeinsamer Ort für alle bleibt.

Sieben Jahre haben Gemeinderäte, Verwaltung, Kirchen sowie Steinmetze, Bestatter und Gärtner über einem neuen Entwicklungsplan für Friedhöfe beraten. "Innerhalb kurzer Zeit löst sich das traditionelle Erscheinungsbild der Friedhöfe auf", heißt es darin. Oder auch: "Für die Technischen Betriebe Konstanz und Gewerbebetriebe sind die Friedhöfe ein bedeutender Wirtschaftsfaktor." Vergangenen September beschloss der Gemeinderat den Plan. Er will einerseits die historische Struktur bewahren, andererseits Raum für Neues schaffen. Baubürgermeister Werner spricht von "einem Meilenstein", der eine gute gestalterische Grundlage biete. "Nun gilt es, einzelne Maßnahmen umzusetzen", sagt Werner. Nächste Woche wird der Beirat für Friedhofsangelegenheiten über das Grabfeld 31 des Hauptfriedhofs sprechen. Hier sollen neue Grabformen Platz finden. Es gibt ein Konzept einer Künstlerin. Auch die Arbeitsgemeinschaft der auf dem Friedhof tätigen Betriebe wird einen Vorschlag für Grabfeld 31 vorstellen.

Der städtische Sitzungskalender will es, dass nächste Woche auch die Haushaltspolitiker das Thema Friedhof auf der Tagesordnung haben. Sie sollen über die Gebühren für die Gräber entscheiden. Schon zwei Mal verweigerten die Räte den höheren Preisen ihre Zustimmung. Die Sache ist knifflig: Der Friedhof muss nach dem Gebührenrecht alle anfallenden Kosten zeitnah über die Gebühren zurückholen. Nur zwei Stellschrauben bleiben den Räten: Sie können den Friedhof auch als öffentlichen Park betrachten und einen Teil der Kosten unter Grünpflege verbuchen, für die nicht nur die Grabbesitzer, sondern alle Steuerzahler aufkommen. 67000 Euro wollte die Stadtverwaltung hierfür geben. Zu wenig fanden bislang viele Räte. Zudem können die Politiker die Grabfläche bei der Kalkulation weniger stark berücksichtigen; der Preisunterschied zwischen kleinen Urnen- und großen Erdgräbern würde so geringer.

Bei den vielen Rechnungen, die nach einem Todesfall bei den Angehörigen eingehen, fehlt eine: Die Pfarrer nehmen kein Geld. Für ihren Dienst zahlen die Kirchenmitglieder Kirchensteuer. Müller beerdigt auch Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, wenn kirchentreue Angehörige es wollen. "Die Trauerfeier ist ein Echo auf die Angehörigen", sagt er. Überhaupt stellt Müller in den Gesprächen rund um eine Beerdigung fest, dass es eine Offenheit gibt "nicht nur für das Ritual, sondern auch für die Botschaft". Rudiger erzählt, in jedem Trauergespräch werde auch gelacht. Die Pfarrer stehen aber auch am Grab von Kirchenmitgliedern, deren Angehörige den Glauben verloren haben. Rudiger sagt: "Wenn der christliche Glaube da ist, ist es einfacher, Hoffnung zu spenden." Im Gebet sucht der katholische Pfarrer das Zwiegespräch mit dem Verstorbenen. "Wir können für die Verstorbenen beten", sagt er - und ihnen so weiter helfen. Für Protestanten ist das eine eher fremde Vorstellung. Für sie sind die Verstorbenen allein in Gottes Hand. Womit sich beim Gang durch Gräberreihen die Frage stellt, wo die verstorbenen Menschen nun sind? Rudiger sagt, mit dem Tod trenne sich die Seele vom Leib. "Für mich sind die Seelen auch nicht auf dem Friedhof." Und Müller sagt, die Verstorbenen seien bei Gott geborgen. Und doch ist für die Pfarrer der Friedhof der Ort der Trauer und der Hoffnung. Rudiger sagt: "ein wunderbarer Ort". Für Müller ist die Menschenwürde über den Tod schützenswert, "darum ist auch dieser Ort schützenwert." Die Pfarrer werden bald wiederkommen an diesen wunderbaren und würdevollen Ort. Sie werden an einem offenen Grab stehen und ihre Worte jenen Menschen schenken, die dann selbst keine haben.

mit freundlicher Genehmigung des Südkuriers (Autor F. van Bebber)
Quelle: SK vom 10.11.2007

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